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Wie lässt sich die aktuelle Lage beurteilen? Wir sprachen mit Cam Brensinger, CEO Nemo Equipment, über Probleme mit Containern, Zusammenhalt der Branche und Wünsche der Industrie an den Handel.

Herr Brensinger, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Hier in Amerika nähern wir uns dem Ende des Sommers 2021, der für uns alle etwas seltsam war und mit gemischten Gefühlen betrachtet wird. Die Pandemie ist noch nicht vorbei und wir sind sehr froh darüber, dass wir bisher gesund durch diese Zeit gekommen sind. Auf der anderen Seite sind wir absolut beeindruckt wie die Nachfrage im Bereich Outdoor gestiegen ist. Das lässt sich mit der aktuellen Situation erklären. Ich habe gelesen, dass es seit Beginn der Pandemie allein in den USA 8 Millionen Neukunden auf dem Campingmarkt gibt. Bei Nemo haben wir unser Business innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Trotzdem sind wir vorsichtig optimistisch und unsicher, wohin die Reise im Winter geht. Stichwort Delta-Variante und anhaltende Volatilität in der Lieferkette. Vor einigen Wochen wurde ein Rekord für die Zahl der Containerschiffe gebrochen, die außerhalb des Verschiffungshafens von L.A. festsitzen. Dennoch gehen wir nicht zuletzt davon aus, dass wir nach der Pandemie mit einem anderen Bewusstsein, angepassten Prioritäten und einem ausgewogeneren Lebensstil aufwarten können. Die letzten anderthalb Jahre haben viel Schaden angerichtet, aber sie haben auch deutlich gemacht, was im Leben wirklich zählt. Dazu gehören klar die positiven mentalen und physischen Auswirkungen des Aufenthalts in der Natur und sämtliche Outdoor-Aktivitäten. Wir haben das, was unser aller Leben seit März 2020 aus dem Gleichgewicht gebracht hat, noch nicht überstanden, aber die Zeichen deuten darauf hin, dass das Interesse für Natur und Outdoor-Aktivitäten bleiben wird.

Wie hat sich das Geschäft verändert?

Schwierige Zeiten stellen die Stärke unserer Werte immer auf die Probe. Und ich bin stolz darauf, dass wir bei NEMO unseren Prinzipien treu geblieben sind, die uns immer begleitet haben. Als uns die Pandemie letzten März erreichte, haben wir unser Budget für das Jahr basierend auf den Mindesteinnahmen neu festgelegt und waren mit diesem Betriebsmodell in der Lage, alle Arbeitsplätze zu erhalten. Keiner unsere Leute aus dem NEMO-Team sollte während einer globalen Krise ohne Arbeit sein und unser „Worst Case“ Modell hat gut gegriffen. Wir hatten also einen Plan, der vielleicht nicht hundertprozentig so war wie wir es uns gewünscht hätten, uns aber durch die schwere Zeit bringen konnte. Innerhalb weniger Monate änderte sich das Bild und die Menschen suchten Ablenkung bei Wanderungen und Campingausflügen abseits großer Menschenmengen. Ab diesem Zeitpunkt registrierten wir eine gesteigerte Nachfrage und konnten unsere Prognose wieder korrigieren und sogar positiv in die Zukunft blicken. Das hat uns sicherlich mental sehr gestärkt und uns als Team noch mehr zusammengeschweißt.

Seit Gründung von NEMO EQUIPMENT vor fast zwei Jahrzehnten ist es unser Ziel, eine nachhaltige und einzigartige Marke aufzubauen. Wir haben uns verpflichtet bis 2022 in allen Bereichen klimaneutral zu sein und unseren CO2-Abdruck bis 2030 zu halbieren. Außerdem haben wir unsere Mission für soziale Gerechtigkeit und die Wertschätzung der Verflechtung von ökologischen und sozialen Werten erweitert. Seit März 2020 haben wir unser Team fast verdoppelt und konnten einige hochbegabte Talente für NEMO gewinnen. Die Werte, die uns hierhergebracht haben, stehen heute noch stärker im Fokus: Wir sind jetzt ein größeres, stärkeres, intelligenteres, effizienteres Unternehmen mit einem enger verbundenen Team als vor der Pandemie.

Wie sind die Ihre Einschätzungen der Perspektiven?

Wir werden nach der Pandemie nicht zur gewohnten Normalität zurückkehren, aber ich glaube, dass wir aus dieser Zeit unsere Lehren gezogen haben, die wir alle nutzen können, um eine neue und bessere Normalität zu gestalten. Ich glaube, dass eine tiefere Wertschätzung für die Natur bestehen bleibt. Ebenso wie eine Wertschätzung des Zusammengehörigkeitsgefühls und Solidarität füreinander – nicht nur während einer globalen Pandemie, sondern auch unter Betrachtung des Klimawandels. Auch das wird die Welt jetzt ernster nehmen. Es ist an der Zeit, unseren Kreislauf zu ändern, indem wir dem Planeten Ressourcen entziehen, sie durch schmutzige Prozesse in fernen Ecken der Welt in Produkte verwandeln, mit denen wir für kurze Zeit leben und die dann jahrtausendelang als Abfall die Umwelt verschmutzen. In der Natur galt schon immer, dass man „keine Spuren hinterlassen“ sollte. Diese Denke gilt es jetzt auch in den normalen Alltag zu integrieren. Der Lebenszyklus eines Produktes muss ganzheitlich betrachtet werden. Eine künftige Gesamtrechnung des Unternehmens muss die Ressourcen, die wir verbrauchen, den CO2-Ausstoß und den Abfall, den wir hinterlassen, umfassen. Wenn es darum geht, unsere Auswirkungen auf den Planeten anzugehen, wird die Arbeit nur schwieriger, je länger wir warten, also ist es an der Zeit, sich ihr zu stellen. Und wir müssen generell akzeptieren, dass wir noch nicht alle Antworten haben und es nicht mehr um Perfektion geht. Denn wir müssen irgendwo starten, auch wenn es noch nicht die optimale Lösung ist. Zu viele Unternehmen haben Angst, die Klimafolgen zu bekämpfen, weil sie nicht alle Antworten haben. Wir können es kaum erwarten, auch ohne alle Antworten loszulegen.

Hat sich die Kundschaft geändert?

Der Verbraucher ist bereits dabei sich auf Digital und E-Commerce umzustellen, diese Entwicklung wird durch die Pandemie nur beschleunigt. Meiner Meinung nach gibt es kein Zurück von der allgegenwärtigen und allwissenden Natur unserer digitalen Tools. Aber In-Store ist immer noch stark und spielt eine wesentliche Rolle für den Verbraucher. Die Menschen werden weiterhin Freude an Einkaufserlebnissen haben, die anregend sind, eine menschliche Verbindung bieten und fachkundige Beratung bereithalten – insbesondere die Art, die noch immer schwer über einen Bildschirm zu vermitteln ist.

Bei so vielen Neukunden, von denen die meisten über wenig Erfahrung im Outdoor-Bereich verfügen, als wir es von unseren Kunden gewohnt sind, ist es besonders wichtig, wie wir das gesuchte Abenteuer darstellen und wie wir über unsere Marke sprechen. Wir müssen lernen, Anfängern gegenüber offener, integrativer, zugänglicher und spaßorientierter zu sein als nur den Schwerpunkt auf die Funktion zu legen. Die letzten zwei Jahre haben die Menschen auf die Probe gestellt: Pandemie, soziale Ungerechtigkeiten, immer mehr Anzeichen von Klimaauswirkungen, das Auftauchen geopolitischer Spannungen, von denen wir dachten, dass sie hinter uns liegen.

Menschen suchen Vorbilder und Gründe für Optimismus. Verbraucher suchen mehr denn je nach Marken, die transparent und authentisch sind, einen höheren Zweck haben und starke Werte vertreten. Heute will jeder wissen, wofür wir stehen. Die Verbraucher verfügen über mehr Informationen denn je und werden zunehmend gebildet und versiert. Marken müssen nach ihrem „Warum“ suchen und bereit sein, es zu verteidigen. Für NEMO ist es unser Ziel, unseren Verstand und unsere Kreativität zu nutzen, um die Liebe zum Abenteuer, füreinander und für unseren Planeten zu wecken. Und wir unterstützen diese Mission mit jeder unserer Maßnahmen.

Gibt es Wünsche der Industrie an die Händler?

Marken und Händler müssen zusammenarbeiten, um auch in Zukunft relevant und nachhaltig zu sein. Händler sollten Marken für eine ganzheitliche Sichtweise von Leistung und Nachhaltigkeit verantwortlich machen. Dazu sollte neben dem reinen Durchverkauf auch Innovationen, sozialer und ökologischer Einsatz sowie Industrie- und Verbraucherengagement gehören. Marken, die an allen Fronten Leistung bringen, sollten mit Verkaufschancen belohnt werden. Ebenso sollten Marken auch in ihrer Vertriebsstrategie selektiver sein und Partner wählen, die die gesamte Geschichte der Marke unterstützen und erzählen und sinnvoll ergänzen und nicht einfach nur zusätzlichen Umsatz generieren möchten. Um den langfristigen Erfolg der Outdoor-Branche und ein gesundes Wachstum sicherzustellen, ist eine engere Zusammenarbeit über die gesamte globale Wertschöpfungskette hinweg erforderlich, um Effizienzsteigerungen zu erzielen und den Verbrauch von Ressourcen zu minimieren. Lieferanten und Marken müssen sich als Team verstehen, genauso wie Marken und Händler. Wirtschaft und Gesellschaft stehen heutzutage vor komplexen systemischen Problemen, die meiner Meinung nach nur als Team gelöst werden können. Die gute Nachricht für unsere Branche ist jedoch, dass wir es gewohnt sind, uns zusammenzuschließen, um große Berge zu erklimmen. Mutig, einfallsreich und innovativ zu sein, liegt in unserer DNA als Outdoor-Abenteurer. Jetzt liegt es an uns, diese Werte auch dem Rest der Welt zu vermitteln.